WIE GEHT GUTE POLITISCHE BILDUNG?

Vom Verhältnis Politischer Bildung zur politischen Handlungsfähigkeit

Eine demokratische Gesellschaftsordnung ist auf demokratisch denkende und handelnde Menschen angewiesen. Politische Handlungsfähigkeit und demokratische Einstellungen zeichnen sie ebenso aus wie Wissen zu Politik und Gesellschaft. So können sich Demokrat*innen schließlich engagiert in die eigenen Angelegenheiten einmischen. Aber: Inwiefern trägt dazu Politische Bildung ihren Beitrag dazu bei? Wo liegen Aufgaben, Ziele aber auch Grenzen der Politischen Bildung? Ein Gespräch mit Dr.in Jana Trumann von der Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Bildungswissenschaften (Fachgebiet Erwachsenenbildung/politische Bildung).

Profession-Politischebildung: Eine demokratische Gesellschaftsordnung ist auf demokratisch denkende und handelnde Menschen angewiesen. Politische Handlungsfähigkeit und demokratische Einstellungen zeichnen sie ebenso aus wie Wissen zu Politik und Gesellschaft. Aber was heißt eigentlich politische Handlungsfähigkeit genau? Und in welchem Bezug steht dieser zur Politischen Bildung?

→ Inhalt

Trumann: Ich sehe die politische Handlungsfähigkeit zweigeteilt: Zum einen bedeutet politische Handlungsfähigkeit tatsächlich ein Wissen darüber zu haben, welche Möglichkeiten ich eigentlich habe. Daraus ergibt sich die Frage, welche Formen und Orte politischer Beteiligung es eigentlich gibt. Ich lege da ein weites Verständnis von Politik und politischer Partizipation zugrunde, in dem ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten von Beteiligung in den Blick geraten. Das heißt, nicht nur Wahlen, eine Mitgliedschaft in Parteien oder die Übernahme von Ämtern sind politische Partizipation, sondern auch die kleinen Beteiligungsmöglichkeiten im alltäglichen Leben der Menschen. Ich meine damit z.B. das Engagement in Vereinen oder in der Elternvertretung.

Somit komme ich zum zweiten Teil . Politische Handlungsfähigkeit bedeutet für die Politische Bildungsarbeit, das Berechtigt-sein zu vermitteln. Es gilt Mut zum Handeln zu vermitteln. Diese Idee von Befugnis & Befähigung geht dabei unter anderem auf Bourdieu zurück. Wer legt eigentlich fest, wer befähigt und wer befugt ist?

Sie sehen: Hierfür ist ein weiter Blick auf die politische Handlungsfähigkeit notwendig, um nicht nur an bestimmte Positionen, Ämter und formale Beteiligungsmöglichkeiten gebunden zu sein. Hierbei spielt die politische Bildung eine wesentliche Rolle. Es gilt, dieses Konstrukt von Befugnis und Befähigung und die damit verbundenen Ausschlüsse sichtbar zu machen und dann den Mut zu vermitteln, selbst Einfluss zu nehmen.

"Politische Handlungsfähigkeit bedeutet für die Politische Bildungsarbeit, das Berechtigt-sein zu vermitteln. Es gilt Mut zu vermitteln.

Dr.in Jana Trumann

Profession-Politischebildung: Sie scheinen somit einen starken Fokus auf die Zivilgesellschaft selbst mit ihren mannigfaltigen Initiativen, Gruppierungen und niedrigschwelligen Organisationsformen zu legen. Was jedoch macht aus der losen Handlungsfähigkeit zum Schluss eine spezifisch politische?

Trumann:  Politisch ist für mich, wenn ich meine Perspektive auf die Welt und meine Wünsche des Zusammenlebens öffentlich ausspreche und mich öffentlich mit meinen Ideen einbringe. Das Spektrum der Öffentlichkeit ist breit, einmal die kleine Öffentlichkeit, wie mein Freundeskreis, in dem ich Position beziehe; dann die breite Öffentlichkeit, wie eine Demonstration, bei der ich mit vielen Leuten meine Meinung und Perspektive auf gesellschaftliche Gestaltung teile und zeige. Auch die Übernahme von Ämtern lässt sich unter einer breiten Öffentlichkeit verstehen. Mir ist wichtig, diese Bandbreite zu berücksichtigen, denn politisches Handeln findet auf jeder Ebene statt.

Die Rolle der Politischen Bildung

Profession-Politischebildung: Ich stelle ich mir eine Person vor, die sich für die eigenen Belange aus dem eigenen Leben heraus interessier, dann diese im gesellschaftlichen Kontext packt und schließlich auf eine Demonstration geht. Stellt sich die Frage: Wo ist hier die Rolle der politischen Bildner*innen?

Trumann: Im Rahmen einer Veranstaltung der politischen Bildung kann ich lernen, wo ich wirksam werden kann. Gemachte Erfahrung, aber auch Hürden und Widerstände kann ich in einer solchen Veranstaltung ebenfalls reflektieren. Menschen können Negativerlebnisse machen und dadurch resignieren. Als politisch Bildende ist es die Aufgabe, dieses aufzufangen. Hierbei spielt es eine Rolle, wie ich meine Seminare konzipiere. Ist das Seminar ein reiner Reflexionsraum oder plane ich auch direkte Handlungen? Prinzipiell ist es wichtig, dass der didaktische Raum Veränderungsmöglichkeiten aufzeigt.

Profession-Politischebildung: Wie stark darf ihrer Meinung nach Politische Bildung zum konkreten Handeln anleiten?

Trumann: Definieren wir dieses Mal am Raum entlang: Der Raum einer Institution kann auch für externe Gruppen zur Verfügung gestellt werden, die dort wiederum Aktionen vorbereiten. Inwiefern Träger der Politischen Bildung dabei mitmachen sollten, ist eine anderen Frage. Politische Bildung kann dort moderieren, begleiten und Ratschläge geben. Die Träger der Politischen Bildung können auch den physischen sowie didaktischen Raum vorbereiten und dadurch wiederum die eigenen Interessen artikulieren.

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Profession-Politischebildung: Die Rolle der politischen Bildung als Raumgestalterin? Ist das so? Wir stellen Räume zur Verfügung, moderieren auch mit dem Gedanken an das Kontroversitätsgebots gleichzeitig möglichst „neutral“ und Ergebnisoffen?

Trumann: Ja genau, wobei ich sagen müsste, neutral ist eigentlich niemand. Jede Person hat eine Position. Kein Mensch schaut neutral auf die Welt. Also, dass ich mich als Lehrende nicht in den Vordergrund stelle, sondern die Erfahrung und die Bedürfnisse der Teilnehmenden aufnehme, selbst das ist eine bestimmte Perspektive, welche nicht neutral ist.

Profession-Politischebildung: Das scheint die Position der Lehrenden noch mal ganz anders in den Blick zu nehmen. Das Konzept der Lernenden und Lehrenden wird in einer aktuelleren Art der Didaktik ja teilweise aufgebrochen.

Die Rolle der Politischen Bildner*innen

Trumann: Das ist eine sehr gute Frage, die Frage nach dem Verhältnis der Lehrenden und Lernenden. Seit meiner Zeit an der Universität und auch schon davor umtreibt sie mich immer wieder. Ich spreche davon, dass es ein gegenseitiges Lernen ist, weil jede Person ihre eigenen Erfahrungen mit einbringt. Eine Person bringt mehr Input von dieser Perspektive oder Einrichtung mit und eine andere Person eine andere Erfahrung oder Erkenntnis. Dies ist ein dialogischer Prozess, in dem sich neue Erkenntnisse über die Welt ergeben. Jede Person kann ihre Position einbringen. Es ist für Dozent*innten bisweilen schwierig, so viel Freiheit zuzulassen, denn das kann bedeuten, selbst Macht und Kontrolle abzugeben. Ein solcher Prozess ist ergebnisoffen – und diese Offenheit ist wichtig, um Gesellschaft und gesellschaftliche Entwicklung weiter zu denken.

Ehrenamt als Ausdruck politische Handlungsfähigkeit?

Profession-Politischebildung: Mancherorts wird das Ehrenamt als Ausformung der politischen Handlungsfähigkeit gesehen. Mit Blick auf die Empirie sehen wir, dass sich in Deutschland ca. 22% der Bevölkerung ehrenamtlich betätigen. Ist das für Sie Ausdruck politischer Handlungsfähigkeit? Und welches Politikverständnis liegt dem wieder zugrunde?

Trumann: Ehrenamtlichkeit ist auf jeden Fall ein Bereich der politischen Handlungsfähigkeit. Ich bevorzuge jedoch den Begriff des zivilgesellschaftlichen Engagements, weil Ehrenamt oft mit Positionen und Ämtern verbunden ist. Selbstverständlich kann auch der Begriff des Ehrenamtes eng und weit gefasst werden. Wenn es nicht um politische Ämter geht, sondern um den Fußballverein, die Elternvertretung, die Kita, etc. wird dem Ehrenamt eine soziale Richtung beigemessen. Häufig wird unterschieden zwischen Sozialem und Politischem. Beides kann jedoch nicht voneinander getrennt werden, denn das soziale ist auch politisch. Ich denke, das hat was damit zu tun, dass bestimmte Bereiche aus der politischen Handlungsmacht rausgehalten werden sollen. Da wird wieder aufgeteilt, wer hat Befugnisse und darf die Entscheidung treffen. Der soziale Bereich wird dabei abgesondert. Das soziale und das politische Ehrenamt sollte jedoch nicht voneinander getrennt betrachtet werden.

"Häufig wird unterschieden zwischen sozialem und politischem Engagement. Ich finde, das kann nicht voneinander getrennt werden, denn das soziale ist auch politisch.."

Dr.in Jana Trumann

Enges vs. breites Politikverständnis

Profession-Politischebildung: Gleichzeitig können wir mit einem Blick auf die Ergebnisse der sog. Leipziger Mitte-Studien festhalten, dass 70% der in Deutschland repräsentativ befragten Personen der Aussage zustimmen, dass „Leute wie ich sowieso keinen Einfluss darauf haben, was die Regierung tut“. 58,2% stimmen sogar der Aussage zu, dass sie es für „sinnlos halten, mich politisch zu engagieren“. Was drückt das über die politische Handlungsfähigkeit aus?

Trumann:  Wenn unter Politik wieder nur etablierte Formen verstanden werden, dann höre auch ich häufig die Position, dass Menschen damit nichts zu tun haben. Das heißt, die eigene Position, die eigene Meinung und das alltägliche Handeln werden im Politikverständnis nicht mitgemeint. Das erlebe ich im Übrigen an der Uni genauso, bspw. wenn Studierende sagen, den Schwerpunkt der Politischen Bildung können sie nicht wählen, denn sie wüssten zu wenig über Politik. Das ist schade und schwierig zugleich, denn hier finden Selbstausschlüsse statt. Helmut Bremer hatte das mal formuliert als „Selbstausschluss, der als vorweggenommener Fremdausschluss betrachtet werden kann“.

In meiner Studie zum Lernen in Bürgerinitiativen habe ich festgestellt, dass die Lernprozess und Wege der Wissensaneingnung wahnsinnig vielfältig sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Desto länger die Beschäftigung mit der und in der Initiative stattfindet, umso stärker ist auch die Tiefe der Wissensaneignung und die Tiefe der Perspektiven. Es geht irgendwann nicht mehr allein um das ursprüngliche Anliegen, bspw. die Verhinderung eines Straßenbaus, sondern es geht dann um die Gestaltung der Stadt, der Gesellschaft etc. als solche. Das differenziert sich so weit aus, dass hinterher der*die vermeintliche Laie viel mehr Expert*in ist, als der*die vermeintliche Expert*in selbst. Um einen Bogen  zu dem Anfang unseres Gesprächs zu schlagen: Dieses Aufbrechen des Verständnisses von Politik und politischer Partizipation ist wichtig, um den Mut zu vermitteln und politisch handlungsaktiv werden zu können.

Dr.in Jana Trumann

Dr.in Jana Trumann

Jana Trumann (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen. Sie beschäftigt sich insbesondere mit subjektwissenschaftlicher Lernforschung sowie Fragen politischer Partizipation und Bildung. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit dem Thema „Lernen in Initiativen – Ein widerstreitendes Moment politischer Partizipation und Bildung".

Das Gespräch führte David Stein für http://www.profession-politischebildung.de

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